Freitag, 21. Mai 2010

Wer misst misst Mist, oder ?

Die Problematik der Fehlinterpretation von Messwerten ist gefühlt allen bekannt. Motto: Traue keiner Statistik, die Du nicht selbst gefälscht hast und so ... Dabei ist die Ursache des Missbehagens einfach zu finden. Es wird oft viel zu schludrig gearbeitet.

Hier meine aktuelle TOP3-Liste der handwerklichen Fehler:

1. Beliebige Bildung von Durchschnittswerten aus weit streuenden Fakten. Sie wissen schon, linker Fuß in kochendem Wasser, rechter in Eiswasser macht im Schnitt eine ganz kommode Temperatur.

2. Bildung von Durchschnitten aus Durchschnitten ( der Durchschnitt der durchschnittlichen Tagesantwortzeit eines Systems ist etwas ganz anderes als der Durchschnitt aller Antwortzeiten ) Grund: die Gewichtung verschiebt sich.

3. Die Bildung von KPIs durch Division von zwei Elementen ohne jeden Zusammenhang. Beispiel aus einem derzeit sehr kontrovers diskutierten Bereich: Globale Erwärmung. In England galt früher: Messungen morgens/mittags/abends. Daraus Durchschnittsbildung für die Tagestemperatur. Heute gilt: Einsatz eines MinMax-Thermometers und Durchschnittsbildung aus den beiden Werten für Minimum und Maximum aus 24h. Trägt man nun alte und neue Werte kommentarlos in eine Entwicklung über die Zeit ein, ergibt sich ein anderes Bild von Erwärmung an diesem Ort als wenn man bei der alten Methode geblieben wäre. Die Änderung der Mess-Methode ist eine Manipulation (egal ob sie nun die Idee der globalen Erwärmung bestätigt oder ihr widerspricht).

Jeder Verbraucher muss die Qualität des Produkts letztendlich für sich selbst beurteilen. Irritierend ist, dass eher triviale Zusammenfassungen (Kosten pro SAP User) eigentlich eingängiger sind als fokussierte Betrachtungen (welche User sind teuer, welche wertschöpfend, welche nicht). Na ja, die Daten auf dem Autoquartett-Kärtchen aus der Jugend waren auch eingängiger als meine heutigen Kriterien beim Autokauf.

Und was die Statistik betrifft: Ein Erkenntnisgewinn hängt ab von präzisem und verantwortlichem Umgang mit Daten. Das ist nicht nur eine Frage qualitativer Arbeit sondern auch von Ethik.

Sonntag, 16. Mai 2010

Lisa's SAP-Welt

Man kann versuchen die Welt mit Hilfe von SAP Software zu erklären … und die Zukunft der SAP Software mit den Entwicklungen der Welt.


Zu Zeiten des R/2 war die Welt wohl strukturiert, hierarchisch, klar. Es gab Mandanten, darin Buchungskreise (=Firmen), darunter Werke, diese aufgeteilt in Lager. Das ganze repräsentiert in hierarchischen Datenbanken, die auch gar nichts anderes konnten.


Der Umstieg auf R/3 und das relationale Datenbankschema eröffnete ungeheure Möglichkeiten. Attribute wurden an die jeweils für sie zuständigen Schlüsselbegriffe gebunden. Alles was mit dem Vertrieb eines Produktes zu tun hatte an eine Vertriebsgruppe, Einkauf an Einkäufergruppen, buchhalterisches an die Firma, logistisches an Werk oder Lager. Die neue Freiheit der Daten ermöglichte es dass damit z.B. Einkaufsattribute quer zu Firmen angeordnet werden konnten. Ich erinnere mich an eine denkwürdige Diskussion mit Peter Zencke, der - während andere noch die neu gewonnene Freiheit feierten - erklärte, dass man diese Freiheiten nicht beliebig zulassen könne, weil niemand wisse, wie man das anschließend in den funktionalen Prozessen programmieren solle. Schließlich gäbe es ja wohl nach wie vor gesetzliche Anforderungen an Legal-Einheiten (=Firmen =Buchungskreise) über die man sich nicht hinwegsetzen können, nur weil man eine Super-Einkaufsorganisation zusammengefasst habe. Und so wurden in SAP R/3 der relationalen Freiheit Grenzen gesetzt. Zu Gunsten der Sicherheit Prozesse programmieren zu können, deren Folgen man abschätzen kann.


Ähnliches sehen wir in der Politik. Einst war alles klar hierarchisch geordnet. Gar nicht so lange her, da waren wir mit unserem föderalen System gar nicht so unglücklich. Gemeinde, Kreis, Bundesland, Nationalstaat und auf dieser Ebene ein bisschen Beziehungen zu den anderen, die ähnlich organisiert waren. Aber wir sind zunehmend relational geworden. Wir sind Europäer, organisieren uns nationalstaatsübergreifend in Metropolregionen, Bologna-Prozessen, blicken häufig nicht mehr, wer eigentlich wirklich für etwas zuständig ist – oder wer tatsächlich die Dinge bewegt. Was zu sattsam bekannten Blüten führt, dass Europa die Krümmung der Banane normiert, aber jedes Land weiter seine eigenen Strom- und Telefonstecker bis auf’s Blut verteidigt. Und es bringt uns aktuell Diskussionen wie wir über „die Banken“ Herr werden, ob wir eine Wirtschaftregierung für den Euroraum brauchen oder eine für die EU (was ja nicht das gleiche ist), eine Föderalismus-Konferenz jagt die nächste und außer der Hoheit über die Renovierung von Schultoiletten und der Alimentation von einigen Hundert Landtagsabgeordneten fällt uns kaum etwas ein, wozu wir eigentlich noch Landesregierungen haben.


Zencke’s Law wurde missachtet: Relationale Systeme bieten eine große Freiheit, aber man darf sie nur soweit ausreizen, wie man die Prozesse dahinter noch verstehen und gestalten kann.


Nun gibt es wohl nie die einfache Lösung des „zurück“. Das Heil unserer Zukunft liegt darin Menschen ein Leben zu ermöglichen, die zu mehreren oder gar vielen Gruppierungen gehören und deren Zusammenspiel zu organisieren. Einwohner einer Gemeinde, Mitglied einer Sprach- und Kulturgemeinschaft, Nutzer eines verlässliches Wirtschaftssystems, viele, viele Definitionen. Wir brauchen bessere Prozesse für unsere Gesellschaft. Noch experimentieren wir. Mit runden Tischen, mit plötzlich erstarkenden Regionalparteien wie in Italien oder Österreich, mit Showpolitikern, die für kurze Zeit Integrationskraft vermitteln.


Und SAP? Die gleiche Herausforderung. Wir wollen Software, die es ermöglicht schnell und einfach die individuell zusammengestellten Aufgaben einer Person im Unternehmen zu unterstützen. Da braucht es bessere Prozesse um die Individualteilchen mit einander zu orchestrieren. In Memory Datenbanken ? Vielleicht ein gutes Tool. Bessere Unterstützung von mobilen Frontends ? Natürlich. Aber entscheidend für den Erfolg ist die Qualität der Prozesse, die in ungeheuer flexiblen Umgebungen immer „richtig“ laufen müssen. Was auch „richtig“ gerade sein mag.


Davon ist in der aktuellen Diskussion um Business by Design merkwürdig wenig zu hören.